Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

 

 HENDRIK BERG

AUTOR



 

Autorenseite bei Facebook

 

 

 Lesungen:

 

 
10. März, 19:30 Uhr
"Wohnt das Böse auf Hallig Hooge?"
Multimediareportage zusammen mit Sven von Loga
VHS Bergisch Gladbach
Buchmühlenstraße 12
51465 Bergisch Gladbach
 
 
12. April 2017, 19:30 Uhr
Stadtbibliothek St. Peter-Ording
Badallee 56
25826 St. Peter-Ording
 
 
13. April 2017, 17:30 Uhr
Café im Theatrium
Karkenstraat 13
25882 Tetenbüll
 
4. Mai 2017, 19:30 Uhr
Thalia-Buchhandlung
Breite Straße 8 + 10
31224 Peine
 
16. Mai 2017, 19:30 Uhr
Cafe Midsommar
Luxemburger Straße 267
50939 Köln
 
14. August 2017, 20 Uhr
Love & Crime zusammen mit
Gabriella Engelmann
Kurgartensaal am Sandwall
25938 Wyk auf Föhr
 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

Auf Social Media teilen

Leseprobe Küstenfluch:

 

 

1         

 

 

 

Das Unwetter hatte sich den ganzen Tag angekündigt. Nicht mit Regen oder starken Böen. Sondern mit einer unwirklichen Stille. Wie eine Decke lag sie auf dem Meer. Erst am späten Nachmittag näherte sich aus Westen eine Brise, zuerst noch leise, dann immer lauter, mächtiger. Schwarze Wolken schoben sich über die Flut, die mit Macht auf Nordfriesland drängte.

 

Am Abend erreichte der Sturm seinen Höhepunkt. Immer höher trieb er die Wellen auf die Küste zu. In schaumgekrönten Linien wälzten sie sich an der Landschaft Eiderstedt, den Halligen Süderoog und Südfall, an der Insel Pellworm und Nordstrand vorbei auf das Festland zu.

 

Die meisten Schiffe waren längst in die sicheren Häfen zurückgekehrt. Nur ein einsamer Kutter kämpfte noch mit den tosenden Fluten. Ein weißer Punkt in der dunklen Nacht.

 

Fluchend hielt Stave Geerkens das Ruder mit beiden Händen fest. Trotzdem wurde die MS Lena wie ein Spielzeug von den Wellen hin und her geworfen. »Schietwetter!«, schimpfte Stave und versuchte, die beschlagende Scheibe mit dem Ellenbogen frei zu wischen.

 

Eigentlich sollte er jetzt mit Mattes und Görcan, seiner kleinen Crew, längst in einer warmen Kneipe in der Husumer Altstadt sitzen. Aber heute war eben einer der Tage, an denen alles schief ging. Es hatte bereits am Morgen angefangen. Da waren statt der angemeldeten zehn Angler nur fünf auf den Kutter geklettert. Und dann, kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, verreckte der Motor. Die Benzinpumpe, natürlich. Schon seit Wochen hatte sie Probleme gemacht, heute Mittag hatte sie endgültig ihren Geist aufgegeben.

 

Mehrere Stunden trieben sie mitten auf der Nordsee herum. Görcan war ein absolutes Genie, was Motoren anging. Aber es war schnell klar, dass er noch Stunden brauchen würde, um die MS Lena wieder zum Laufen zu bringen.

 

Zu lange für die Angler, die bei ihm eine vierstündige Tour auf die Nordsee gebucht hatten. Nach einem heftigen Streit war Stave nichts anderes übriggeblieben, als Kuddl Oecker über Funk anzurufen, damit er seine Gäste mit zu den Angelgebieten und anschließend zurück zum Hafen nahm. Ausgerechnet Kuddl, Staves größter Konkurrent auf dem engen Markt der Hochseeangeltouren.

 

»Soll ich dich abschleppen, min Jung?«, hatte Kuddl mit einem breiten Grinsen gefragt. Natürlich hatte Stave abgelehnt.

 

Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte zugestimmt. Für den Abend war schlechtes Wetter vorhergesagt worden.

 

Endlich tauchte Görcan mit ölverschmiertem Gesicht aus dem Maschinenraum auf und verkündete, die Kiste würde wieder laufen.

 

Der Himmel hatte sich schon bedenklich zugezogen, als es zurück nach Husum ging.

 

Aber so ein bisschen Wind konnte Stave nicht beeindrucken. Bevor er mit seiner MS Lena, benannt nach seiner toten Frau, Touren für Angler organisierte, war er dreißig Jahre lang als Fischer auf der Nordsee unterwegs gewesen. Gegen die gewaltigen Stürme, die er da erlebt hatte, war das Wetter an diesem Abend nur ein harmloser Nieselregen.

 

Sie hatten gerade den Westerhever Leuchtturm passiert, als er es zum ersten Mal auf Backbord sah. Nur ganz kurz. Ein Schatten am Horizont, nicht weit von der Hallig Südfall entfernt, die einsam zwischen der Fahrrinne und der Insel Pellworm in der tosenden Nordsee lag.

 

Stave kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können. Eine große Welle krachte gegen die Scheibe und nahm ihm die Sicht.

 

»Was is´n?«, fragte Mattes, der hinter ihm auf einer kleinen Bank saß und trotz des Unwetters ungerührt eine Stulle aß.

 

Stave beachtete ihn gar nicht. Er blickte auf das Radar. Und tatsächlich zeichneten sich dort in fast einem Kilometer Entfernung die Umrisse von etwas Großem ab.

 

Aber was?

 

Stave kannte diese Strecke besser als sein Wohnzimmer, unzählige Male war er hier lang gefahren, bei Tag und Nacht, bei jedem Wetter. Aber so etwas Seltsames hatte er noch nie gesehen.

 

Wieder schaute er aus dem Kajütenfenster, konnte aber nur die Schaumkrone der nächsten Welle erkennen. Mattes stellte sich schmatzend neben ihn. Das heftige Schwanken des Kutters machte ihm genauso wenig aus wie Stave.

 

Er blickte auf das Radar und dann ebenfalls aus dem Fenster.

 

»Ein Wal?«

 

»Nee«, grummelte Stave und kratzte sich an seiner dicken Nase. »Das ist viel größer als ein Wal.«

 

In dem Moment krachte ein Donner über die aufgewühlte See, ein Blitz zerriss die Dunkelheit. In seinem Licht konnten sie Pellworms Küste am Horizont sehen, die Nordermühle, den rotweißen Leuchtturm und dahinter, nur zu erahnen, den Turm der alten Kirche.

 

Aber nicht auf der Insel war der Blitz eingeschlagen. Er hatte sich ein anderes Ziel gesucht. Es lag glänzend im tosenden Meer. Etwas Metallisches. Scharfe Kanten wie ein gewaltiger Diamant. Es erhob sich aus der See, brach mit Urgewalt durch die Wellen. Wie ein schwarzes Loch schien es jedes Licht einzusaugen. Nur einen kurzen Moment erstrahlte alles so hell wie am Tag. Dann versank die Nacht wieder in kompletter Dunkelheit.

 

»Du lieber Gott, was war denn das?«, stammelte Mattes, immer noch mit der Stulle in der Hand.

 

Stave spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief. »Keine Ahnung«, flüsterte er, »aber mit dem lieben Gott hat es bestimmt nichts zu tun.«     

 

 

 

 

 

2         

 

 

 

Eine Ratte, dachte Hinnerk, als er das Geräusch zum ersten Mal bemerkte.

 

Es war ein leises Scharren. Als hätte jemand nicht mehr die Kraft, die Füße zu heben und schöbe sie stattdessen nur träge über den Boden.

 

Hinnerk schaute sich um. Keiner zu sehen. Er war alleine auf dem Dachboden der Scheune. Aufmerksam lauschte er in die Dunkelheit, aber alles, was er jetzt hörte, war das Dröhnen des Sturms, der draußen über die Marsch fegte.

 

Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. Das kleine Boot, das er Jan, seinem Neffen zum Geburtstag schenken wollte. Zufrieden betrachtete er die Aufbauten, die er aus einem Stück Eichenholz herausgeschnitzt hatte. Zur Belohnung griff er nach der Pilsflasche, die auf dem Tisch stand und trank einen Schluck. Er lehnte sich entspannt zurück und betrachte sein kleines Reich. Auch wenn Paula, seine Frau, es nicht gerne hörte, hier fühlte er sich am Ende des Tages besonders wohl. Nur eine Werkbank, eine Lampe in dem dunklen, hohen Raum, ein bisschen was zu basteln und zu reparieren, mehr brauchte es nicht, um ihn glücklich zu machen. Und zu reparieren gab es eigentlich immer etwas.

 

Er blickte zu dem einzigen Fenster und beobachtete, wie die schwarzen Wolken über den Himmel rasten. Morgen früh musste er eine Runde um den Hof drehen. Er war sicher, dass der Sturm Spuren hinterlassen würde. Heruntergefallene Dachschindeln, abgeknickte Äste. Ob das schiefe Baugerüst hinter dem Wohnhaus dem starken Wind standhalten würde?

 

Alles kein Problem für Hinnerk. So war das hier eben an der Küste, wo man lernte, mit den Folgen des Wetters zu leben.

 

Er schloss die Augen, genoss den Duft nach bearbeitetem Holz. Die frische, nach Meer und Salz riechende Luft, die durch das undichte Fenster in den Dachboden strömte.

 

Auf einmal wieder das Geräusch.

 

Nein, dachte Hinnerk. Das sind keine Ratten. Oder Mäuse. Oder überhaupt irgendein Tier. Abgesehen davon, dass die Schafe und Kühe auf dem Feld waren - das hörte sich an, als ob jemand draußen um die Scheune schlich.

 

Oder war sogar jemand in der Scheune?

 

Hinnerk stand auf.

 

»Hallo?«, rief er, aber niemand antwortete. Stille. Nur der Wind, der um das Haus blies.

 

Und dann wieder ein leises Schlurfen.

 

»Jan? Bist du das?« Er lächelte. »Hör zu, ich habe dir gesagt, du darfst nicht gucken! Es soll eine Überraschung sein.«

 

Keine Reaktion. Hinnerk zog die Stirn in Falten. Da hatte er sich wohl geirrt. Eigentlich sollte der Kleine ja auch längst im Bett liegen.

 

Wieder hörte er ein Geräusch. Dieses Mal war es eher ein Kratzen. Doch eine Ratte? Oder eine ihrer Katzen? Beides? Hinnerk wollte gar nicht wissen, was für Dramen sich hier in der Nacht abspielten.

 

Misstrauisch ging er zur Kante des Dachbodens. Er blickte hinunter in die Scheune, auf das Werkzeug, die Geräte, die neben dem Trecker standen und die er heute vor dem schlechten Wetter in Sicherheit gebracht hatte.

 

Nichts zu sehen. Alles in Ordnung. Er lächelte gedankenverloren. Wie oft war er schon alleine hier oben gewesen? Unzählige Male. Noch nie hatte er Angst gehabt. Man konnte ja vieles über ihn sagen, aber eine Bangbüx war Hinnerk nun ganz bestimmt nicht.

 

Trotzdem, irgendwas war heute Abend anders. Etwas stimmte nicht. Etwas gehörte nicht hierher. Er spürte, wie sich die Nackenhaare aufstellten, als ob Strom in der Luft schwirrte.

 

Er wollte zum Arbeitstisch zurückkehren, als ihn ein heftiger Stoß in den Rücken traf. Hinnerk stöhnte auf, wollte sich umdrehen. Aber da verlor er schon das Gleichgewicht. Auf der Kante stehend ruderte er einen kurzen Augenblick mit den Armen - und fiel dann mit dem Rücken voran nach unten in die Tiefe.

 

Ein hässliches, schmatzendes Geräusch. Und ein fürchterliches Stechen, das plötzlich mit Wucht durch seinen Körper fuhr wie ein Meer aus brennenden Flammen.

 

Was war passiert? Wer hatte ihn gestoßen? Ungläubig versuchte Hinnerk, den Kopf zu bewegen. Ohne Erfolg. Er hatte keine Kontrolle über sich. Er spürte seinen Körper nicht mehr. Arme, Beine, alles nur ein einziger quälender, drückender Schmerz.

 

Stöhnend versuchte er, sich aufzurichten. Aber auch das ging nicht. Stattdessen erkannte er aus den Augenwinkeln, dass etwas aus seinem Bauch aufragte. Dornen, blutige Dornen.

 

Und es war sein Blut.

 

Erschöpft sackte er nach hinten. Tränen liefen ihm über die Wangen. Er spürte einen seltsam metallischen Geschmack auf der Zunge, merkte, wie etwas Heißes aus seinen Mundwinkeln lief.

 

Mit aufgerissenen Augen starrte er nach oben, auf den Dachboden. Was war nur da oben? Wer war dort oben? Alles begann zu verschwimmen, unklar zu werden. Die Augenlider flimmerten. Das letzte, was er noch erkennen konnte, war ein Schatten, der sich über die Kante des Bodens zu ihm herunterbeugte.

 

 Hinnerk wusste: Er würde sterben, jetzt. Vielleicht war er schon tot. Denn auf einmal spürte er, wie eine Hand nach seinen Fingern griff. Eine Kinderhand. Sanft und zärtlich drückte sie ihn, streichelte ihn voller Mitgefühl und nahm ihn schließlich mit auf seine letzte Reise.