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 HENDRIK BERG

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Lesungen:

 

25. Januar 2020,

Krimi-Dinner "Kalte See"

Lago Beach Zülpich

Am Wassersportsee

53909 Zülpich

 

8. März 2020, 15:30 Uhr

Krimi-Tee bei

TeeGschwendner

Dreieck 2

53111 Bonn

 

1. April 2020, 19 Uhr

"Eisiger Nebel"-Premiere

Mit dem Landespolizeiorchester NRW

Polizeipräsidium Bonn

Königswinterer Str. 500

53227 Bonn

 

15. April 2020, 19:30 Uhr

Eisiger Nebel Nordsee-Premiere

Gemeindebibliothek St.Peter Ording

Badallee 56

25826 St. Peter-Ording

 

5. Juli 2020, 20:00 Uhr

Doppellesung mit Janne Mommsen

Kurgartensaal

Sandwall 36

25938 Wyk auf Föhr

 

23. August 2019, 20:00 Uhr

"Eisiger Nebel" auf Föhr

Kurgartensaal

Sandwall 36

25938 Wyk auf Föhr

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

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5         

 

Cadzand, Sommer 2017

 

Eigentlich müsste Cadzand zu Belgien gehören. Der kleine Badeort liegt im äußersten Südwesten der Niederlande in der Region Zeeuws Vlaanderen, die wiederum zur südlichen Provinz Zeeland gehört, direkt an der Grenze zu Belgien. Auf der niederländischen Seite befand sich in Cadzand eine weitläufige Dünenlandschaft mit einem breiten Strand. Ein paar Schritte durch einen eiskalten Priel, der weiter unten ins Meer mündete, schon war man auf der belgischen Seite im Natur- und Vogelschutzgebiet Het Zwin.

Sascha liebte das kleine Cadzand vor allem für den breiten Strand, der trotz der jedes Jahr zahlreicheren Touristen am Meer immer noch reichlich Platz für die verschiedensten Wassersportarten bot. Er selbst war begeisterter Kitesurfer und reiste mit seiner Freundin Grete sooft es ging hierher an die Küste. Von Köln aus, wo die beiden BWL und Sport studierten und in einer schmucken Dachwohnung lebten, war Cadzand die schnellste Möglichkeit, ans Meer zu kommen. Drei Stunden Fahrt, einmal quer durch Belgien, schon konnten sie mit Board und Segel in die Wellen starten.

Heute war wieder ein wunderbar sonniger Tag gewesen. Sascha hatte praktisch von Morgens bis Abends auf dem Brett gestanden. Er konnte die Arme kaum noch heben, die Beine brannten, aber selten hatte er sich so glücklich und entspannt gefühlt wie an diesem Abend.

Das lag auch an der Überraschung, die er für Grete geplant hatte.

Sie kannten sich jetzt genau ein Jahr. Sascha wollte das mit ein paar Mojitos und leckeren Lachshäppchen in den Dünen feiern. Gerade hatte er eine Kühltasche aus ihrem mintgrünen VW-Bully geholt, den sie auf einem Parkplatz hinter den Dünen geparkt hatten. Es versprach ein wunderbar lauer Abend und eine klare Nacht zu werden. Ein romantisches Picknick unter dem leuchtenden Sternenhimmel – Sascha war bereits ganz hippelig vor Vorfreude.

Als er zurück zum Strand ging, leuchteten die Wolken am Himmel wie die Flammen eines gewaltigen Lagerfeuers. Oben auf der Düne blieb er stehen, stellte die schwere Kühltasche ab und schaute sich um. Offensichtlich waren er und Grete nicht die Einzigen, die an diesem Sommerabend noch am Strand bleiben wollten. Überall saßen Familien und Gruppen von jungen Leuten zusammen. Es herrschte Ebbe, das Wasser hatte sich mehrere hundert Meter weit zurückgezogen und glitzerte am Horizont im warmen Licht der untergehenden Sonne. Auf dem hellen, von zahllosen kleinen Prielen durchzogenen Meeresgrund waren überall Spaziergänger und Kinder zu sehen.

Er stapfte durch den Sand hinunter an den Strand und wandte sich dann nach links, an der großen Düne vorbei, die mit einer Art Steilwand das Panorama beherrschte. Hier lagerten immer noch viele Kitesurfer neben ihren Boards. Die jungen Männer und Frauen hatten ihre Neoprenanzüge gegen Bermudashorts und T-Shirts getauscht, tranken Bier aus Flaschen, lachten oder betrachteten stumm den prachtvollen Sonnenuntergang.

Sascha streckte den Hals und suchte nach Grete. Normalerweise war es sehr einfach, sie zu finden. Er musste nur nach der größten Gruppe Ausschau halten – meistens stand Grete in der Mitte. Sascha war stolz auf seine hübsche und intelligente Freundin. Wenn sie ihre langen schwarzen Haare zu einem Zopf nach hinten band und mit ihrem Board und in ihrem engen Neoprenanzug über den Strand spazierte, gab es niemanden, der nicht seinen Kopf nach ihr verdrehte. Dabei war sie durchaus keine typische Strandschönheit. Ihre Nase war etwas zu groß, was ihrem Profil etwas Herbes gab. Ihre Beine und Schultern waren durch das viele Kite- und Wellensurfen für Modelmaße viel zu kräftig. Aber Grete war das egal, sie fühlte sich wohl in ihrem Körper und in ihrem Leben. Genau dieses Selbstvertrauen, das sie mit jedem Schritt ausstrahlte, verbunden mit ihrer unkomplizierten Herzlichkeit, faszinierte Männer wie Frauen. Auch als Sportlerin war sie hilfsbereit und freundlich zu anderen, fordernd und ehrgeizig, wenn es sie selbst betraf. Wenn viele Surfer eingeschüchtert von der stürmischen See lieber abbrachen, sprang sie erst recht auf ihr Board und warf sich ohne Angst in die Wellen.

Sascha wusste, dass seine Freundin etwas Besonderes war. Er liebte sie noch wie am ersten Tag – eigentlich sogar jeden Tag ein bisschen mehr. Entsprechend ungeduldig suchte er den Strand ab. Wo steckte sie nur? Er hatte ihr doch gesagt, dass sie hier, am Ende des Bohlenwegs, auf ihn warten sollte.

»Wisst ihr, wo Grete ist?«, fragte er ein paar Surfer aus München, mit denen sie heute gemeinsam auf dem Wasser gewesen waren. Aber niemand hatte sie gesehen. Auch ein Ehepaar aus Dortmund hatte keine Ahnung. Grete hatte vorhin noch mit ihren kleinen Kindern im Sand gespielt. Doch seitdem hatten sie sie nicht mehr gesehen.

Schließlich fragte er Dennis, einen niederländischen Segellehrer. Sie hatten gestern gemeinsam gegrillt. Obwohl seine eigene Freundin Meike ebenfalls dabei gewesen war, hatte der blendend aussehende Mann mit Grete ziemlich unverhohlen geflirtet, aber das war jetzt auch egal.

»Ja, ich habe sie gesehen. Ist aber eine Weile her. Sie ist Richtung Campingplatz gegangen.« Er zeigte mit der Hand landeinwärts. »Aber sie war nicht alleine.«

Sascha horchte auf. »So? Wer war denn bei ihr?«

Dennis zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich dachte, du wärst das gewesen. Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Gibt’s irgendein Problem?«

»Nein, Quatsch«, sagte Sascha, obwohl er spürte, wie sich ein unangenehmes Gefühl im Bauch ausbreitete. Wieso war sie einfach gegangen? Er hatte ihr doch gesagt, sie sollte genau hier am Strand auf ihn warten!

»Soll ich dir suchen helfen?«, erkundigte sich Dennis, der ihm offensichtlich ansah, dass er immer nervöser wurde.

»Ach was, nicht nötig. Bestimmt ist sie nur schon mal vorgegangen.«

Dennis nickte. Sascha nahm die Kühltasche in die Hand und machte sich auf den Weg zum Campingplatz. Er führte ihn am Priel landeinwärts direkt an der belgischen Grenze entlang. Auf der anderen Seite erhoben sich die Dünen. Eigentlich war es aus Naturschutzgründen verboten, sie zu betreten, trotzdem konnte er in der einsetzenden Dämmerung einige kleine Lichter erkennen.

Ob Grete an einem der Lagerfeuer saß?

Mittlerweile war es hier auf der Schattenseite der Dünen fast ganz dunkel. Mehrfach rief er ihren Namen, erhielt aber keine Antwort.

Irgendwas stimmt hier nicht!

War sie wirklich zum Campingplatz gegangen? Warum sollte sie das tun? Ohne ihn? Konnte es sein, dass sie doch zurück zum Auto gegangen war? Hatte er zu lange gebraucht? War sie ungeduldig geworden?

Und was war das für ein Mann, der sie begleitet hatte?

Sascha entschied sich, einen Bogen durch die Dünen zu machen, eine - verbotene – Abkürzung zum Parkplatz, die sie in den letzten Tagen häufig genommen hatten.

Mit kurzen schweren Schritten stapfte er durch den Sand, die Düne hinauf und rief immer wieder Gretes Namen. Ein Entenpärchen verließ aufgeschreckt durch sein Versteck hinter einem Bündel Seegras, aber sonst blieb alles still.

Langsam bekam er es mit der Angst zu tun. Dazu zog die Kühltasche an seinem Arm, als wäre sie mit Blei gefüllt. Er ächzte und fluchte, als er über sich am Himmel eine Möwe lachen hörte.

»Grete!«, schrie er in die Dünen. »Wo bist du?«

Nichts. Stille. Nur ein leises Murmeln und das noch entferntere Rauschen des Meeres waren zu hören. Er stellte die Tasche ab und stemmte die Hände erschöpft in die Seite. Oben am Himmel funkelten die ersten Sterne.

Verdammt! Das war alles ganz anders geplant.

Plötzlich ein Rascheln. Ganz in der Nähe. Ein gedämpftes Stöhnen. Sascha erstarrte, spürte, wie eine eiskalte Brise über seinen verschwitzten Rücken strich. Das waren bestimmt keine Enten.

»Grete?«, rief er, seine Stimme war auf einmal nur ein heiseres Krächzen.

Wieder das Rascheln, etwas schlug auf den Boden. Mit einem Ruck wandte er sich um. Die Geräusche kamen von der anderen Seite der Düne. Er ließ die Kühltasche stehen, wo sie war, und kämpfte sich die Düne hinauf, fiel hin, krabbelte schließlich auf allen vieren nach oben.

»Grete? Was ist ...?« Sein Atem stockte, als er sie sah. Grete. Mit dem Rücken auf dem Boden. Auf ihr ein Mann, die Hände an ihrem Hals. Mit letzter Kraft versuchte sie, sich zu befreien, aber vergeblich.

Natürlich hatte der Mann ihn gehört. Wie ein Raubtier wandte er ihm den Kopf zu. Gegen den immer noch vom Abendrot erleuchteten Himmel, konnte Sascha sein Gesicht nicht erkennen. Es war offensichtlich keiner von den jungen Surfern. Aber weiter konnte Sascha schon nicht mehr denken. Mit einem lauten, wütenden Aufschrei sprang er nach vorn, warf sich gegen den Kerl, der Grete, seiner Grete, etwas antun wollte. Mit einem lauten Stöhnen fiel der Fremde in den Sand. Genau wie Sascha. Brüllend vor Wut rappelte er sich auf, ging erneut auf den Unbekannten los, um ihm den Hals umzudrehen und den Kopf abzureißen.

Doch auch der Mann stand bereits wieder. Statt zu fliehen, wandte er sich um, kam auf ihn zu – und stieß ihm ein Messer in den Bauch. Mitten in der Bewegung spürte Sascha, wie sich der kalte Stahl in seinen Körper bohrte. Er ächzte, schnaufte. Alle Kraft wich aus seinen Gliedern. Ungläubig blickte er den Mann an, sah jetzt zum ersten Mal sein von Hass erfülltes Gesicht, als er die Klinge herauszog und ein weiteres Mal zustach. Und noch einmal. Wieder und immer wieder bohrte sich das Messer in seinen Bauch, in seine Brust.

Sascha spürte keinen Schmerz. Nur Trauer. Er konnte Grete nicht mehr beschützen. Auf dem Boden liegend, blickte er ein letztes Mal zu ihr, sah sie regungslos im Schatten der Mulde liegen. Grete, seine große Liebe. Er wollte ihren Namen sagen, aber es kam nur Blut aus seinem Mund. Er dachte an ihr Lächeln, ihr süßes, freches Lächeln. Und als er schließlich starb, lächelte auch er.